Warum die Wahl des Präparats über Ihre Gesundheit entscheiden kann
In der Praxis begegnet mir immer wieder ein Thema, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, aber weitreichende Folgen für Ihre Gesundheit haben kann: die Wahl des richtigen Folsäure-Präparats. Viele Arzneimittelhersteller setzen bis heute ausschließlich auf klassische, synthetische Folsäure – obwohl längst bekannt ist, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung diese gar nicht richtig verwerten kann. Grund genug, das Thema einmal für Sie aufzuschlüsseln.
Folsäure und Methylfolat – wo liegt der Unterschied?
Folsäure ist die künstlich hergestellte, günstige Form von Vitamin B9. Damit unser Körper sie nutzen kann, muss sie erst in mehreren Schritten in ihre aktive, biologisch wirksame Form umgewandelt werden – das sogenannte Methylfolat (5-MTHF). Diese Umwandlung übernimmt maßgeblich ein Enzym namens MTHFR (Methylentetrahydrofolat-Reduktase).
Das Problem: Viele Menschen können diese Umwandlung nur eingeschränkt leisten
Das Gen, das für dieses Enzym zuständig ist, liegt bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung in einer veränderten Form vor. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 30 bis 50 Prozent der Menschen mindestens eine solche Genvariante tragen. Bei einem Teil von ihnen – je nach Studie zwischen 10 und 16 Prozent – liegen sogar zwei veränderte Genkopien vor. In diesen Fällen kann die Aktivität des Umwandlungs-Enzyms um bis zu 70 Prozent reduziert sein.
Für diese Menschen bedeutet das: Nehmen sie ein Präparat mit reiner Folsäure ein, landet ein erheblicher Teil davon nicht dort, wo er gebraucht wird – nämlich als aktives Methylfolat in der Zelle. Stattdessen kann sich unverstoffwechselte Folsäure im Blut anreichern, während die eigentlich benötigte aktive Form weiterhin fehlt.
Welche Probleme können daraus entstehen?
- Erhöhter Homocysteinspiegel: Ohne ausreichend aktives Methylfolat kann der Körper die Aminosäure Homocystein nicht mehr richtig abbauen. Ein erhöhter Homocysteinspiegel gilt als eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Thrombosen und Schlaganfälle.
- Maskierung eines Vitamin-B12-Mangels: Hochdosierte Folsäure kann die Blutbild-Veränderungen eines B12-Mangels verschleiern, während die damit einhergehenden neurologischen Schäden unbemerkt fortschreiten können – ein in der Fachliteratur gut dokumentiertes Risiko.
- Fortbestehende Beschwerden trotz „richtiger“ Einnahme: Erschöpfung, Konzentrationsstörungen oder ein weiterhin messbarer Folsäuremangel im Labor – obwohl das Präparat gewissenhaft eingenommen wird.
Das folgenschwerste Risiko: Neuralrohrdefekte in der Schwangerschaft
Besonders gravierend wird das Thema in der frühen Schwangerschaft – oft noch bevor eine Frau überhaupt weiß, dass sie schwanger ist. Aus einer embryonalen Gewebestruktur, dem sogenannten Neuralrohr, entstehen das spätere Gehirn und Rückenmark des Kindes. Dieses Neuralrohr muss sich bereits bis zum Ende der vierten Schwangerschaftswoche vollständig schließen – ein ausreichender Folatspiegel der Mutter ist dabei einer der entscheidenden Faktoren.
Schließt sich das Neuralrohr nicht richtig, spricht man von einem Neuralrohrdefekt – am bekanntesten ist die Spina bifida, umgangssprachlich „offener Rücken“. In Deutschland betrifft dies rund 1 von 1.000 Schwangerschaften. Je nach Schweregrad reicht das Spektrum von einer milden, oft unbemerkten Form bis hin zu schwersten, lebenslangen Beeinträchtigungen mit Lähmungen, Wasserkopf sowie Blasen- und Nierenproblemen. Bei der schwersten Ausprägung, der Anenzephalie, ist das Kind nicht lebensfähig.
Eine ausreichende Folatversorgung bereits vor und in den ersten Wochen der Schwangerschaft senkt dieses Risiko nachweislich – Studien zeigen eine Risikoreduktion von etwa 50 bis 70 Prozent. Genau hier wird das eingangs beschriebene Umwandlungsproblem besonders bedeutsam: Da sich das Neuralrohr bereits bis zur vierten Schwangerschaftswoche schließt, bleibt kaum Zeit, einen bestehenden Mangel nachträglich auszugleichen. Frauen mit eingeschränkter MTHFR-Aktivität, die ausschließlich unverstoffwechselte Folsäure einnehmen, laufen daher Gefahr, trotz „korrekter“ Einnahme keinen ausreichenden Spiegel der tatsächlich wirksamen, aktiven Form zu erreichen – genau in dem Zeitraum, in dem es am meisten zählt. Aus diesem Grund wird in der Fachwelt zunehmend diskutiert, ob gerade Frauen mit Kinderwunsch von vornherein auf Methylfolat statt auf reine Folsäure setzen sollten, um dieses Risiko zu umgehen.
Ein besonders betroffener Personenkreis: Frauen, die die Pille nehmen
Hormonelle Verhütungsmittel verschärfen das Thema zusätzlich. Eine große Auswertung von 27 Studien mit über 4.000 Frauen zeigte, dass Pillenanwenderinnen im Schnitt niedrigere Folsäurespiegel im Blut haben als Frauen ohne hormonelle Verhütung. Die Pille hemmt sowohl die Aufnahme von Folsäure im Darm als auch ihre Umwandlung, gleichzeitig wird die Ausscheidung über die Niere erhöht.
In einer Untersuchung an 90 gesunden jungen Frauen lag der Homocysteinspiegel bei Pillenanwenderinnen mit durchschnittlich 13,2 µmol/l fast doppelt so hoch wie bei Frauen ohne Pille (7,3 µmol/l) – ein direkter Ausdruck des gestörten Folsäure-Stoffwechsels.
Warum das relevant ist: Ein erhöhter Homocysteinspiegel steht in engem Zusammenhang mit einer erhöhten Thromboseneigung – Untersuchungen zufolge liegt bei etwa jeder fünften Patientin mit einer Venenthrombose ein zu hoher Homocysteinspiegel vor. Da hormonelle Verhütungsmittel ohnehin bereits mit einem erhöhten Thrombose- und Embolierisiko einhergehen, kann ein zusätzlich erhöhter Homocysteinspiegel durch Folsäuremangel diesen Risikofaktor weiter verstärken.
Was mich daran wirklich stört!
Diese Zusammenhänge sind keine neue Erkenntnis – sie sind seit vielen Jahren wissenschaftlich beschrieben und in der Fachwelt bekannt. Trotzdem setzen viele Arzneimittelhersteller bis heute ausschließlich auf die günstige, klassische Folsäure – ganz gleich, ob es sich um Nahrungsergänzungsmittel, Schwangerschaftspräparate oder Kombinationspräparate handelt.
Aus meiner Sicht gibt es dafür im Grunde nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder fehlt es an Wissen über diese inzwischen gut belegten Zusammenhänge – was bei einem Gesundheitsprodukt eigentlich nicht sein dürfte. Oder es steckt schlicht wirtschaftliches Kalkül dahinter, weil synthetische Folsäure in der Herstellung deutlich günstiger ist als die aktive Methylfolat-Form. Beides halte ich, wenn es um die Gesundheit von Millionen Menschen geht, für nicht verantwortungsbewusst.
Was Sie konkret tun können
- Schauen Sie beim nächsten Griff ins Regal auf die Packungsbeilage oder Zutatenliste: Steht dort „Folsäure“ oder „(6S)-5-Methyltetrahydrofolat“ bzw. „Methylfolat“ / „5-MTHF“?
- Gerade wenn Sie die Pille nehmen, einen Kinderwunsch haben, unter unklarer Erschöpfung leiden oder in der Familie gehäuft Thrombosen vorkommen, kann eine Bestimmung von Homocystein und gegebenenfalls eine MTHFR-Diagnostik sinnvoll sein.
- Bei Kinderwunsch gilt: Je früher, desto besser – das Neuralrohr schließt sich bereits in den ersten Schwangerschaftswochen. Eine gezielte Folat-Versorgung sollte daher schon vor Eintritt der Schwangerschaft beginnen, nicht erst nach dem positiven Test.
Sprechen Sie uns gerne in der Praxis an – wir beraten Sie individuell, welches Präparat und welche Dosierung für Sie sinnvoll ist.
